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Der konservative Rausch II
Aus der Einleitung:
Wir müssen abnehmen! Doch, doch, nicht nur die deutschen Frauen, das ganze Volk. So wie die moderne Diätsucht zur Bulimie führt, leitet uns der kinderlose, hedonistisch und egoistisch geführte Zweipersonenhaushalt als Endstufe westlicher Weisheit zu einer Krankheit, einer tödlichen. Der Volkstod scheint unabwendbar.
Hatte das Kaiserreich noch Anregungen zur Familiengründung gegeben und Sicherheiten gewährleistet, wie sie heute kaum noch denkbar sind, so ist es in unseren Zeiten ein kaum abzuschätzendes Abenteuer, Kinder in die Welt zu setzen. Ganz im Gegensatz zu den Abenteuern, die die „viel zu vielen“ kurz nach der Jahrhundertwende antraten. Das „Volk ohne Raum“ drängte in die Welt. Nicht als Eroberer, sondern als Überschüssige, die nun ihre Lebensrechte einforderten.
Die „Welt war ihr Feld“, da ihnen der deutsche Acker versagt geblieben war. Von diesen soll dieses Buch handeln, von modernen Abenteurern wider Willen, die die Zeitumstände in die Welt schleuderten.
Umstände, die nicht rosig waren, die aber zweierlei bewirkten: diese jungen
Deutschen lernten die Welt, und die Welt lernte das junge Deutschland kennen.
Sie waren nicht vom Ehrgeiz getrieben wie Scott und Amundsen, nicht von
wissenschaftlichem Erkenntniswillen besessen wie Nansen und Humboldt,
auch waren sie keine Entdecker wie Marco Polo oder Columbus; nein, sie
wurden von etwas anderem angetrieben: Sehnsucht. Die Sehnsucht nach
der Ferne – der Versuch, in der Fremde etwas zu finden, was ihnen in ihrer
Heimat abhanden gekommen war.
„Sie rekrutieren sich aus Männern aller Länder, doch bilden Deutsche und
Skandinavier den überwiegenden Teil. Es sind zum größten Teil für immer
entwurzelte Existenzen, Leute, die ihre Veranlagung oder ihr Schicksal aus der
Bahn des seßhaften, auf Erwerb gestellten bürgerlichen Lebens geworfen hat, die
sich vor nichts und niemanden auf der Welt, vor keiner Härte, Entbehrung und
Gefahr ihres Wanderlebens, wenn’s sein muß auch vor keinem verwegenen
Spitzbubenstreich und Verbrechen fürchten, außer vor anhaltender Arbeit! Ich
habe Menschen unter ihnen getroffen, die seit vierzig Jahren kreuz und quer
durch die riesigen Länderstrecken der Vereinigten Staaten zogen, Menschen, die
seit zehn Jahren in keinem Bett geschlafen und keine drei Nächte hintereinander
an demselben Platz gearbeitet hatten; Menschen, die ihren Namen und ihren
Geburtsort vergessen hatten. Und wen das Leben amerikanischer Tramps
einmal gepackt hat, der bleibt ihm meist verfallen für immer. Hinter jeder Weite
liegen ja dort immer wieder neue, blaudämmernde Weiten, liegen Prärien,
Wüsten, Ströme und Gebirge, tosende Millionenstädte und menschenleere
Einöden, liegen eisige, von Schneestürmen überbrauste Gebiete, in denen
halbjahrelange, polare Winter herrschen, und andere in strotzender, üppiger
Fülle wuchernde, über denen sich glutheißer Tropenhimmel wölbt. Rastlos
durchwandert der Tramp diese Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit, und
Schauen und Wandern wird zuletzt Lebenszweck und Schicksal."
erstellt vor 57 Monaten | letzes Update vor 36 Monaten
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