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Boris Becker - John McEnroe (Hartford 1987) 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2.
Um 16:38 Uhr Ortszeit kam es dann zum Aufeinandertreffen zweier Tennisgenerationen. John McEnroe, berühmt berüchtigtes Tennisgenie, gegen Jungspund Boris Becker, 2-facher Wimbledonsieger und auf dem Weg, die Tenniswelt in den folgenden Jahren zu erobern. Als John McEnroe zum ersten Mal den Tennisthron als Nummer 1 bestieg, war Boris Becker gerade einmal 13 Jahre alt und ging noch im beschaulichen Leimen zur Schule.
Es war das Match des sportlich respektlosen Becker, dem Namen auf der anderen Seite des Netzes egal waren, er wollte nur gewinnen, gegen Altmeister John McEnroe, den es fuchsteufelswild machte, dass ein Jüngerer ihm seinen Platz als Tennisheld streitig machen wollte. Aber es war auch ein Match zweier Spieler, die eine schwere Zeit hinter sich hatten, und die den Davis-Cup im Juli 1987 zu ihrer „neuen“ Chance auserkoren hatten.
Schwarzes Jahr für Becker
Ami McEnroe musste seit den French Open pausieren, trat fast ohne Matchpraxis an. Der Leimener Becker musste seit Beginn des Jahres erkennen, wie hart das Leben als Tennisprofi ist, wenn die Erfolge ausbleiben. Alles begann mit der Niederlage gegen Wally Masur bei den Australian Open Anfang ´87. Es folgten die Trennung von seinem Trainer und Ziehvater Günther Bosch, gesundheitliche Probleme und Auftritte eines erwachsen werdenden Jugendlichen, die die Öffentlichkeit von Boris so nicht kannte. Erfolge wie das Erreichen des Halbfinals bei den French Open gegen Mats Wilander oder sein Sieg beim Rasenturnier in Queens gegen Jimmy Connors gerieten zur Nebensache. Es zählten plötzlich nur noch große Triumphe, die jedoch ausblieben. In Wimbledon fand sich Becker am Tiefpunkt. Als zweimaliger Titelverteidiger schied er bereits in der 2. Runde gegen den unbekannten Australier Peter Doohan glatt mit 6:7, 6:4, 2:6, 4:6 aus. Hartford sollte sein Wendepunkt werden. „Ich wusste, so kann ich nicht weiterleben“, so Becker Jahre später rückblickend auf 1987.
Es war 22:38 Uhr in Deutschland. Alle TV-Zuschauer, immerhin 3,82 Mio., die sich auf eine entspannte Sportübertragung mit Boris Becker gefreut hatten, wurden in den berühmten Bann gezogen. ARD-Kommentator Volker Kottkamp wurde zu einem Gast für eine ganze Nacht. Jahre später reden Tennisfans immer noch vom Match des Jahrhunderts. Der überraschende Erfolg von Eric Jelen war für Becker Motivation: „Was Eric kann, kann ich auch“, so Becker vor seinem Gang aus der Kabine auf den Platz. 16.000 Fans im Civic Center verwandelten die Halle in einen Hexenkessel. Atmosphäre, wie sie Tennisprofis sonst nur bei Turnieren in Südamerika vorfinden.
All das schien Becker leicht zu verunsichern. Er verlor gleich sein erstes Aufschlagspiel und McEnroe sicherte sich Satz Nummer 1 nach 50. Minuten mit 6:4. Doch nun begann die wahre Schlacht von Hartford. John McEnroe untermauerte seinen Ruf als Bad Boy. Ihm reichte es nicht, dass er spielerisch in Front lag. Er wollte Becker seine mentalen Grenzen zeigen, ihn zermürben und seine Psyche brechen. Er beschimpfte Boris aufs Übelste, er diskutierte mit den Linienrichtern, mit Schiedsrichter Claude Richard und heizte die ohnehin aufgebrachte Menge weiter auf.
Das Psychoduell der Giganten
Doch Becker machte das einzig richtige: Er ignorierte all die verbalen Entgleisungen und Demütigen von Seiten McEnroes und dessen Teamkollegen Ken Flach, Robert Seguso und Tim Mayotte von der Bank aus. Becker nahm es als gewöhnlichen New Yorker Alltagston hin und konzentrierte sich fortan auf sich. Jetzt war Boris Becker derjenige, der es durch seinen Willen und sein kluges Spiel fertig brachte, McEnroe weiter in Rage zu versetzen, ihn quasi auseinander zunehmen. Das Psychoduell war eröffnet.
Im Laufe des zweiten Satzes lieferten sich beide Spieler teilweise Blick- und Rededuelle, wie sie Boxer unmittelbar vor dem Kampf austragen. Es war spätestens jetzt klar, dass dies kein normales Spiel mehr war. Und je enger das Match wurde, so vertauschter wurden die Rollen: McEnroe, der Ältere, wirkte wie ein trotziges Kind auf dem Platz, Boris dagegen strahlte Ruhe und Souveränität aus. Das machte sich auch im Spiel bemerkbar. Kein einfaches Bum-Bum, wie es alle vom deutschen „Wunderkind“ erwartet haben. Stattdessen verwickelte er McEnroe mehr und mehr in lange Ballwechsel und behielt dort oftmals die Oberhand.
Beim Stand von 8:7 schlug Becker zum Satzgewinn auf. Doch McEnroe fightete und nahm Beckers Aufschlag ab. Dann kam es beim Stand von 10:11 im zweiten Satz aus Sicht von Becker vielleicht zu einer Art Vorentscheidung des gesamten Matches. Der Amerikaner hatte insgesamt 5 Satzbälle, um mit einem sicheren 2:0 Vorsprung in Führung zu gehen. Jetzt zeigte Boris sein wahres Gesicht, er zeigte, warum er für das Unmögliche zuständig ist. Mit guten Aufschlägen wehrte er alle Break- und Satzbälle ab und konnte zum 11:11 ausgleichen. Zu dem Zeitpunkt hatten beide Spieler 102 Punkte gewinnen können.
Irritationen für Bic Mac
Die Spannung stieg ins unermessliche und die Akteure ließen sich zwischen den Ballwechseln aufreizend viel Zeit. McEnroe fing wieder wilde Diskussionen an, legte sich mit allen an, die ihm in die Quere kamen. Beim 13:13 schlug der US-Boy auf und Becker begann bei seinen Returns an der Grundlinie hin und her zu laufen. Auch wenn McEnroe mit seiner typischen Aufschlaghaltung fast mit dem Rücken zum Gegner stand, irritierte ihn das Gehabe von Becker. Ihm unterlief ein Doppelfehler und letztlich souverän gewann Becker dieses wichtige Spiel zum 14:13.
McEnroe verzichtete auf die Pause und ging direkt auf die andere Seite. Im Schneidersitz wartete er darauf, das Gorman ihm Handtuch und Getränke reichte. Dann schlug Becker wieder zum Gewinn des Satzes auf. In der deutschen Spielerbox feuerten Eric Jelen, Ricki Osterthun und Damir Keretic ihren Kumpel an. Aus der deutschen Fankolonie, unter ihnen auch Vater Karl-Heinz Becker und Mutter Elvira, drangen „Boris, Boris Rufe“ in die „Come on, John“ Anfeuerungen des US-Publikums. Diesmal blieb der Wahl-Monegasse Becker cool und gewann den Durchgang mit einem Vorhand Winner zum 15:13. Boris streckte den Arm in die Höhe und nach 2Std. 35 Minuten war dieser Satz und der Ausgleich geschafft.
Der 3. Satz verlor kaum an Spannung. Die USA-Spieler feuerten Bic Mac immer lauter an. Doch viele Zuschauer waren zu diesem Zeitpunkt aus der Halle verschwunden. Sie wollten sich nach dem Marathon des zweiten Durchgangs mit Essen und Trinken versorgen. Hinterher wird sich John McEnroe über das fehlende Publikum bitter beklagen. Zunächst machte es dem Amerikaner scheinbar nichts aus. Mit 10:8 gewann er diesen Satz und ging wieder in Führung. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über 5 Std. gespielt und die Spieler gingen direkt in die Katakomben. Pause war angesagt.
6 Stunden und 21 Minuten für die Geschichtsbücher
Als beide Spieler zurück auf den Platz kamen, hatte sich auch die Halle wieder etwas mehr gefüllt. Doch anstelle eines wütend anrennenden Landsmannes sahen sie von nun an einen coolen, souveränen 19 jährigen Deutschen, der keinerlei Zweifel mehr aufkommen lassen wollte, dass er als Sieger diese heldenhafte Schlacht verlassen würde. McEnroe war sich der Überlegenheit seines Kontrahenten bewusst, versuchte nun wieder alle Tricks aus der Schublade zu holen und versuchte fortan Becker in hitzige Wortgefechte zu verstricken. Doch Becker demonstrierte Nervenstärke: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“, fragte er leicht überheblich und Schiedsrichter Claude Richard sah sich genötigt mehre Male zum Spielen aufzufordern.
Die Statistiken des übertragenden TV-Senders ESPN machten deutlich, wie geduldig Becker von der ungewohnten Grundlinie aus agierte, McEnroe so durch lange Ballwechsel müde spielte. Nur 85 Netzangriffen von Becker standen 177 von McEnroe gegenüber. Dabei machte Becker 53 Punkte, Bic Mac 106. Insgesamt spielte Boris Becker in den letzten beiden Sätzen seine enorm gute körperliche Verfassung aus. Team-Arzt Joseph Keul brachte es auf den Punkt: „Sein Herz ist größer geworden und seine allgemeine Kondition hat sich um 15 Prozent verbessert. Er hat vergleichbare Werte wie früher Björn Borg.“ Fünf Liter Flüssigkeit nahm Becker während der Partie zu sich und verlor dennoch zwei Kilogramm Gewicht. Nach 43 Minuten glich Becker mit 6:2 nach Sätzen aus.
395 Punkte waren ausgespielt und dass Deutschland nach diesem Tag mit 2:0 gegen die USA in Führung gehen würde, war spätestens zu diesem Zeitpunkt jedem klar. Nach 1:2 im fünften und letzten Satz gewann Boris 4 Spiele in Folge und schlug zum Matchgewinn auf. Mit einem sicheren Rückhandvolley beendete er das Match des Jahrhunderts und siegte 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2. Die Uhr im Civic Center zeigte 6:39 Minuten. Es war 23:17 Uhr Ortszeit und mittlerweile 5:17 Uhr in Deutschland. Nachher wird die offizielle Spielzeit aufgrund der abgezogenen Pause mit 6 Std. 21 Minuten in die Geschichtsbücher eingehen.
“Es herrschte Krieg”
Nach dem verwandelten Matchball riss Boris Becker die Arme in die Höhe, lief zur Bank und klatschte sich mit Niki Pilic und seinen Teamkollegen ab. John McEnroe dagegen war fassungslos. Beim obligatorischen Händedruck meinte Becker zu seinem einstigen Idol McEnroe: „Ganz gleich, was auf dem Platz passiert ist, es hat Spaß gemacht, gegen Dich zu spielen.“ Danach verschwand das Enfant Terrible ganz schnell mit hängendem Kopf aus der Halle. Aber beide waren sich im Anschluss auf der Pressekonferenz einig, dass sie „Teil eines ganz großen Matches in der Geschichte des Tennis“ geworden sind.
„Es war toll, dass ich Teil eines so großes Matches geworden bin. Jedoch hätte ich mir ein anderes Ergebnis gewünscht“, so McEnroe nach der an Dramatik kaum zu überbietenden Darbietung. US-Teamkapitän Tom Gormann geizte nicht mit Anerkennung: „Das war das Größte, was ich je in diesem Sport gesehen habe.“ Und für Boris war es schlicht „das größte Match“, dass er je gespielt hätte. Obwohl ihm das Verhalten der Amerikaner doch zu denken gab: „Das da draußen war Krieg. In meinem Ansehen sind die Amerikaner nach diesem Verhalten gesunken“, erzählt Becker hinterher.
erstellt vor 46 Monaten | letzes Update vor 46 Monaten
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